Integrationshämmern

Zollstock

 

Neuerdings geht mir eine Besonderheit der Bauarbeiten im Dachgeschoss unseres Wohnhauses nicht mehr aus dem Sinn. Seit zehn Monaten wird dort nun gebaut, aber seit vor sechs Monaten das neue Dach aufgesetzt wurde, geben die Bauarbeiter und Handwerker bei uns im Haus eine andere Art von Lärm ab als zuvor. Die kleinen Eilande der Ruhe im Ozean des Baulärms haben ein anderes Intervall als früher. Und ja, nachdem man sich monatelang an immer den gleichen Baulärm gewöhnt hat, nimmt man solche Unterschiede wahr. Sie fangen auch nicht mehr wie in den ersten vier Monaten um 7:30 Uhr mit der Lärmproduktion an, sondern beginnen erst 45 Minuten später mit Sägen, Bohren, Flexen, Aufstemmen, Hämmern und Brüllen. Auch ist der Duktus des Lärms ein anderer, er wirkt irgendwie… unaufgeregter.

Das geht jetzt schon 6 Monate so. Jeden Tag findet vergleichsweise unaufgeregtes Arbeiten statt, aber irgendwann, so meint man, sollte der Innenausbau zweier  Dachgeschosswohnungen ja nun auch erledigt sein. Wie viele Wochen kann man denn, verdammte Hacke, in zwei kleinen Wohnungen jeden Tag mit einem großen Bohrhammer in den Wänden herumstochern? Da ist doch irgendwann keine Wand mehr übrig!

Um dieses Mysterium aufzuklären fasse ich mich mir eines morgens ein Herz, schleiche zwei Stockwerke nach oben und linse vorsichtig um die Ecke. Vor mir erstreckt sich der eher quadratische blaubejackte Rücken eines Menschen, der eine Jacke mit der Aufschrift „Handwerkskammer Köln“ trägt. Und an der Wand ist ein Schild mir der Aufschrift „Eingliederungsbaustelle 13 der Handwerkskammer Köln“ zu sehen. Im HIntergrund stehen mehrere andere Menschen in bauarbeitsgeeigneter Kleidung herum und schauen über ihren ausgestreckten Arm und Daumen hinweg auf die Fensterfront in Richtung Garten. Dabei drehen sie den Arm immer wieder leicht, so dass der Daumen von waagerechter Position in eine aufrechte wandert und wieder zurück.

Der Blaubejackte bemerkt mich nun, dreht sich um und mustert mich von oben bis unten. „Du bess evver keiner vun dä neue Tunesier!“, stellt er sachlich fest. Ich nicke ihm bestätigend zu. „Nein, ich wohne unten auf Hochparterre und wollte nur einmal nachsehen, wie weit die Bauarbeiten denn schon fertig sind.“

Der Blaubejackte schaut mich entgeistert an. „Fertisch? Wat heiß he fertisch? Die han doch jerad ärs aanjefange!“

„Gerade erst angefangen? Die Bauarbeiten laufen doch schon seit 10 Monaten…“

Sein Gesicht hellt sich etwas auf: „Ach, dat wissen sie jar nisch. He is doch jetz ene Einjliederungsbaustell.“

„Eine was? Eingliederung? Ich weiß nicht was das ist.“

„Na mer bringe fremdländische Handwerker bei, wie se sich richtisch ze verhalte han.“

„Ach, ausländische Handwerker lernen hier, deutsche Standards einzuhalten und die deutschen Fachbegriffe?“

„Ne, arbeyde künne die all schon jot un Deutsch schwade och. Hier liehre se de rechteje Optritt. Ich zeich dat ens…“

Mit diesen Worten dreht er sich zu seinen Schülern um und sagt: „Bundi, wie weit muss dä Finsterrahme noch rin?“

Bundi ging zum Fensterrahmen, holte einen Zollstock hervor, legte diesen kurz an und verkündete dann: „Noch genau 3,4 Zentimeter.“

Der Blaubejackte schüttelte den Kopf und wischte Bundis 3,4 Zentimeter mit einer leicht verärgerten Handbewegung zur Seite. „Aasim, wat meins du?“

Aasim stellte sich rechts an den Fensterrahmen, schaute kurz, stellte sich links an den Rahmen, schaute kurz und verkündete dann: „Das muss noch ein Stückchen rein.“

Stolz nickte der Blaubejackte nun und Aasims Kollegen applaudierten höflich.

Beeindruckt fiel ich in den Applaus ein. Das war wirklich ein erstaunliches Stück Integration. Da kam mir ein verrückter Gedanke und ich wandte mich an den Blaubejackten: „Dürfte ich vielelicht auch einmal? Also so als Test mit einem echten Kunden?“

„Dat is ene joode Idee! Maat alles noch vill realistischer!“

Ich wandte mich an Aasim: „Können sie mir dafür bis nächsten Montag einen verbindlichen Kostenvoranschlag machen?“

„Ui, das wird nicht gehen. Da müssen erst noch Materialpreise eingeholt werden und die Kosten ergeben sich ja auch erst endgültig wenn wir während des Aufbaus sehen, welches Material hier benötigt wird. Maximal einen groben Kostenrahmen können wir ihnen nennen… in drei Wochen.“

Verblüfft blieb mir der Mund offen stehen. Mit solcher Perfektion hatte ich nicht gerechnet. Aasims Kollegen raunten bewundernd miteinander und der Blaubejackte strahlte über das ganze Gesicht.

Noch wollte ich aber nicht aufgeben. „Von der alten Bausubstanz kann man sicher noch einiges verwenden, es sollte also ausreichen, wenn sie nur den Durchbruch machen, neu verputzen und die neue Quermauer da anpassen.“

„Davon raten wir ihnen wirklich ab, das wird sonst nie wie aus einem Guss aussehen und bei der alten Bausubstanz werden sie immer Probleme mit der Dämmung haben. Wir würden das wirklch besser alles abreißen und komplett neu machen.“

Als ob er nie irgendwo anders als in Deutschland gearbeitet hätte. Ich wusste, wann ich mich geschlagen zu geben hatte. Halb im weggehen meinte ich dann noch beiläufig: „Ach, eine Sache noch, ich würde den Termin für die Ausbesserungsarbeiten gerne von Donnerstag um 7:30 auf Montag um 10:00 Uhr verschieben.“

„Ja, kein Problem, geht klar.“

So knapp daneben aber auch…

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20. Januar 2013  1 Kommentar

Nomen est nomen

Neuerdings beschäftige ich mich mit Namen. Wir kamen in einem Gespräch über die Weihnachtstage darauf, welche Namen für einen in der näheren Auswahl waren. Ich hätte wohl auch ein Martin oder Andreas werden können, ein zweiter Vorname oder Doppelvorname stand aber nie zur Diskussion. Eltern können sehr viel kaputt machen mit einem zu nachlässig ausgesuchten oder auch einem zu Tode durchdachten Vornamen. Ich will jetzt gar nicht gar nicht von Kompromiss-Namen reden, bei denen achtzehnjährige Elternteile je eines ihrer Idole verewigen durften. – An dieser Stelle möchte ich Zlatan-Justin Schmitz und Mahatma Elvis Meyer grüßen. – Auch Biosupermarkt-Vornamen wie Kevin-Søren oder Sophie-Madeleine sind zur Genüge abgehandelt worden. Hat eigentlich jemand herausgefunden, warum Mädchennamen in dieser Zielgruppe ins Französische, Jungennamen aber eher ins Englisch-Nordische tendieren?

Nein, viel interessanter ist der abstruse Rand des Minenfeldes der Namensgebung. Ich erinnere mich an meine Schulzeit, in der wir laut Jahrbuch (oder war es die Schuljahresendausgabe einer Schülerzeitung?) einen Mitschüler mit dem gänzlich neutralen und unbelasteten Nachnamen Stalin hatten. Es gibt so Nachnamen, die nur sehr schwer gänzlich neutral zu betrachten sind. Der Standesbeamte, der meine Frau und mich traute, hatte den traditionsreichen deutschen Namen Himmler. Zwar Horst und nicht Heinrich, unter unserer Heiratsurkunde steht aber H. Himmler. Im Nachhinein habe ich mich gefragt, wie ich es gefunden hätte, wenn er Hitler geheißen hätte. Kann man mit dem Namen Hitler überhaupt Standesbeamter werden oder würde das Schicksal einem diesen Karriereweg von vornherein verbauen? Würde ich einen Standesbeamten namens Hitler genau so beiläufig und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen im Smalltalk erwähnen, wie unseren H. Himmler? Der Name Stalin jedenfalls ist nicht sehr viel besser und man würde denken, dass sich Eltern dessen bewusst sind und einen unauffälligen Vornamen wählen. Paul Stalin oder auch Ralf. Dem war aber nicht so. Die Eltern machten sich bestimmt lange tiefschürfende Gedanken und aus all den Namen, die einem einfallen könnten, wählten sie… Merlin. Merlin Stalin. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie die leichte Bedrohlichkeit des Nachnamens bewusst neutralisieren wollten, indem sie den Gesamtnamen komplett ins Lächerliche ziehen. Gelungen ist es ihnen wohl irgendwie, aber bitteschön um welchen Preis?

Einer der großen Namens-Experimentatoren war übrigens Prince, ursprünglich Prince Rogers Nelson (das Thema Namensgebung in den USA würde hier jeglichen Rahmen sprengen). Seines alten Vornamens überdrüssig, konnte er sich nicht so recht entscheiden und kritzelte etwas auf einen Schreibblock und hatte dann sieben Jahre lang ein nicht aussprechbares Symbol als Namen. Mal wurde er als „Symbol“ bezeichnet, öfter jedoch als TAFKAP (The Artist Formerly Known As Prince). In unserer Peer-Group fiel der Ausspruch „Prince heißt ja jetzt nicht mehr Prince, sondern hat jetzt so einen komischen Frödel als Namen“, was zur Folge hatte, dass wir ihn in dieser Zeit nur noch Frödel nannten. Insgesamt war das alles natürlich nur ein Marketing-Stunt, die damals noch deutlich länger hielten als heutzutage, der dann mit dem Vertragsende bei Warner Music beendet wurde. Seitdem heißt Frödel wieder Prince.

Ein interessantes Feld ist auch die Auswahl von Netz-Nicknames. Abgesehen von Dummfug wie HugeDick999 oder SexyHexy22 gibt es dort durchaus kreative Namen, eben alles, was sich ein Mensch nur ausdenken kann. Mein Twitter-Name geht auf einen Scherz von Markus Angermeier zurück, der wiederum auf einen Ausspruch des berühmten Architekten Louis Sullivan zurück geht, der ihn wohl wiederum vom Bildhauer Horatio Greenough hat. Markus fragte sich, ob bei Twitter @form wohl @function folge, was nicht der Fall war, da es @function auf Twitter gar nicht gab. ,Lustig‘, dachte ich mir und legte mir einen Twitter-Account an, ohne zu Wissen wozu überhaupt. Und nein, der blöde Sack @form folgt mir immer noch nicht.

Vor kurzen haben die Frau und ich eine Dokumentation gesehen, in der über Damanhur, eine seltsame Öko-Sekte in Norditalien, berichtet wurde. Dort ist es Usus, wie in so vielen verschrobenen Religionsgemeinschaften, sich bei Initiation einen neuen Namen auszuwählen. Diese Namen bestehen dort aus einer Bezeichnung eines Tieres und einer Pflanze. In dem Film tauchte eine Ameise Palme und ein Lemur Tulpe auf. Das fanden wir toll. Für den Fall, dass wir jemals in diese Sekte eintreten sollten, haben wir uns unsere Namen schon einmal ausgesucht. Die Frau hieße dann Lori Lavendel und ich hieße Fugu Marshmallow. Marshmallows sind doch Pflanzen, oder?

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3. Januar 2013  Hinterlasse einen Kommentar

Foodpornographie

Neuerdings habe ich diesen Traum, in dem ich in ein Omakase-Sushirestaurant gehe. Omakase-Sushi heißt vereinfacht, dass man dort nicht bestellen kann, was man gerne möchte, sondern dass der Sushimeister entscheidet, was jetzt das richtige Essen für einen ist. Eine besonders exotische Art, Sushi zu essen, bei der man ganz neue Entdeckungen machen kann. Das Menü, welches dann für einen zubereitet wird, ist als individuell zugeschnittenes (Hahaha!) Kunstwerk zu betrachten. Ich habe also diesen Traum, in dem ich das Restaurant betrete und der Sushimeister sieht aus wie ein Toshiro Mifune in Ernst. Er schaut jedem Gast tief in die Augen, nickt dann kurz und ruft laut auf japanisch aus, was er denn jetzt Abgefahrenes für ihn zaubern wird. Auch mir schaut er tief in die Augen, legt dann kurz seine Hand auf meine Stirn und ruft mit einer Stimme wie ein ausbrechender Vulkan: “Currywurstu!“ – Dann wache ich auf. 

Früher galt es ja als exotisch, öfter als einmal pro Monat Pizza zu essen, mittlerweile ist die Sache aber irgendwie etwas aus dem Ruder gelaufen. Vorbei sind die Zeiten, in denen man anerkennende Zustimmung ob der eigenen Weltoffenheit ernten konnte, indem man koreanisch oder vietnamesisch (aber bitte keinen Hund!) essen ging. Nein, heutzutage, im Zeitalter von Liefersushi und Dim Sum Buden muss man an diese Aufgabe ganz anders herangehen. Steaks sind prinzipiell ok, aber nur wenn das Rind entweder im Wellness-Resort gelebt hat oder zumindest einen geisteswissenschaftlichen Abschluss an einer amerikanischen Universität im mittleren Westen besitzt. Oder aber wenn es gar kein normales Rind ist, sondern Yak, Gnu, Wisent oder Tamarau. 

Mit Antilope und Springbock kann man noch ein Stirnrunzeln oder Augenbrauenheben hervorufen, aber ich sehe schon Kalahari-Wochen bei McDonald‘s am Horizont hervorlugen mit MacImpala und Oryxburger. Und dann ist es schon wieder vorbei mit dem Exotenbonus afrikanischer Steppentiere. Es sollen auch schon Leute im Feinkostladen auf Dosenthunfisch bestanden haben, der explizit ohne besondere Anstrengungen zum Schutz von Delphinen gefangen wurde, nur damit die Chance besteht, dass da eventuell ein klein wenig Delphin mit in der Dose sein könnte. Wie lange hält sich Dosenthunfisch eigentlich? Und gibt es da einen Vintage-Markt?

Ein besonders auffälliges Exemplar der Food-Exoten sah ich letztens eine Käsestulle essen. Da denkt man natürlich sofort an ein Kamelkäsekollektiv südkaschugischer Bergbauern und an Brot, das mit chilenischem Kaktusmehl gebacken wurde, welches mindestens drei mal den Äquator überquert hat. Aber nein, alles sei jetzt anders, meinte der Ex-Exot, „aus der Region“ sei jetzt das Mantra. Nur damit könne man wirklich noch punkten. Der wahre Weltbürger versuche nun, nur noch Dinge aus maximal 150 Kilometern Umkreis zu sich zu nehmen…

Morgen mache ich mir Schweinegulasch mit Semmelknödeln.

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8. August 2012  Hinterlasse einen Kommentar

Demotivsuche

 

Neuerdings läuft Herbert in einem billigen verknitterten Anzug herum. Das gehöre zum Image, meint er, es gelte schließlich, seinen Schülern die richtige Aura zu vermitteln. Ich mache beiläufig „¿Que?“. Der Anzug sei aus billiger knitterfreier Kunstfaser und diese zum Knittern zu bringen sei alles andere als einfach gewesen, aber nur so könne er das passende Image von erfolgloser Geschäftigkeit projizieren. „¿Que?“ Er sei jetzt Coach, das sei genau sein Ding. Der Gedanke sei ihm schon länger im Kopf herumgegangen, aber bisher habe ihn immer gehindert, dass er ,Tschakkah!‘ nicht richtig aussprechen könne.

Nun sei es ihm aber eingefallen, kurz nachdem er sich beim Verspeisen einer Pizza – Herbert bestellt übrigens ausschließlich Pizza mit Thunfisch, Zwiebel, Ananas und Ei und zwar nicht weil es ihm besonders schmeckt, sondern aus Prinzip – mittelheftig auf die Zunge gebissen habe, sei ihm die Idee gekommen. Er sei jetzt Demotivationstrainer.

Ich bedeute ihm, dass er bei mir gerade schon durchschlagenden Erfolg habe und meine Motivation, seinen Erzählungen zu folgen quasi gar nicht mehr vorhanden sei, aber das hält ihn nicht auf. Jahrzehnte des unregulierten Motivationstrainings hätten dafür gesorgt, dass es einen Überschuss an ungerechtfertigt motivierten Menschen gebe. Jetzt sei es an der Zeit dies zu korrigieren. Er, so Herbert, er sei das notwendige Korrektiv. Wenn es ums Demotivieren gehe, könne ihm niemand das Wasser reichen. Es könne schon sein, dass zu viele zu motivierte Leute herumlaufen, gebe ich zu, aber wer bitteschön würde denn für eine Demotivation zahlen? Herbert reißt auftrumpfend die Augen auf und macht HAH. Das sei eben der Punkt. Bisher wäre es mehr oder weniger aufwärts gegangen mit der Wirtschaft und es hätte Bedarf an übermotivierten Nachwuchskräften gegeben, welche die Positionen übernehmen, die frei werden, wenn ihre Vorgesetzte nach oben befördert werden. Die Karriereleiter sei aber nun nicht mehr so einfach zu erklimmen und die Vorgesetzten würden eher mit Unbehagen auf die hungrige Masse an jüngerem und hochmotiviertem Nachwuchs blicken.

Mir beginnt zu dämmern, worauf Herbert hinaus will und er sieht das Verständnis in meinen Augen aufglimmen. Die Zeit, in der Manager ihre Untergebenen auf Motivationstrainings und Fortbildungen schicken, sei vorbei. Heute würden kluge Abteilungsleiter dafür sorgen, dass die hungrige Meute da unten, ihnen bloß nicht den Job wegschnappt und sie auf Demotivationskurse schicken. Ich nicke bewundernd. Es beginne schon bei den Informationen zur Anreise. Die müsse man sich über ein automatisches Telefonsystem erfragen, dessen Warteschleifenmusik aus einem Endlos-Refrain des Hits „Ich find Dich Scheiße“ von Tic Tac Toe besteht. Das System werfe die Leute willkürlich aus der Leitung und frage prinzipiell mindestens drei mal nach, mit dem Hinweis, eine Antwort nicht verstanden zu haben. Wenn man die Reiseinformationen nach diversen Versuchen dann endlich herausgefunden habe, stelle sich aber auch kein Erfolgsgefühl ein, im Gegenteil, die Seminare finden nämlich ausnahmslos im ETAP-Hotel Castrop-Rauxel West statt. Castrop-Rauxel West, das ist wirklich hart, ich bewundere Herberts Perfidität.

Für die ganz harten Fälle biete er nun sogar Einzelseminare an. In denen ist dann nur ein einziger Demotivant, zusammen mit 10 bis 20 geschulten Demotivatoren, die aber so tun, als ob sie auch Demotivanten wären und, da sie alle Aufgaben und Antworten natürlich kennen, in wirklich jeder Disziplin um Längen besser sind als der Einzeldemotivant. So kriege er auch die tollsten Nachwuchstalente der deutschen Wirtschaft geknackt und spätestens nach zwei Wochenendseminaren wären sie dann zu kaum mehr etwas zu gebrauchen. Was wäre denn, wenn es mit der wirtschaftlichen Situation wieder besser würde und wir plötzlich keine ausreichende Anzahl an hochmotivierten und begabten Führungskräften mehr hätten, will ich von Herbert wissen, es könne ja schließlich auch wieder aufwärts gehen, wenn wir alle fleißig zusammen daran arbeiten. Herbert schaut mich mild lächelnd an und reicht mir eine Karte mit einer Telefonnummer darauf – Vorwahl 02305…

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3. Juli 2012  1 Kommentar

Stockholmsyndrom

Neuerdings bin ich öfter mal bei IKEA. Wie oft ist man da so als Durchschnittsdeutscher? Zwei oder drei mal pro Jahr? Ich weiß es nicht genau. Ich bin in letzter Zeit zwei bis drei mal pro Woche dort. Und dazu natürlich auch noch jeden Samstag. Sehen Sie, wir haben vor geraumer Zeit ein BÖRFKNÜLL gekauft und es hat seinen Dienst auch tadellos versehen, aber jetzt ist dieses Dings an der Tür kaputt. Erst klemmte es ein wenig, dann etwas mehr und jetzt ist es gänzlich hin, das Dings an der Tür unseres BÖRFKNÜLL. Kein Problem, sollte man meinen, fährt man eben zu IKEA und holt ein BÖRFKNÜLL-Ersatztürdings.

Das habe ich mir eben auch gedacht und bin flugs zu IKEA gefahren und habe dort im ,Do It Yourself‘-Lagercomputer nachgeschaut. Finden Sie es nicht auch ganz und gar großartig, wie dort der Hans Meiser der modernen Lagerhaltung in Form des DIY-Lagercomputers einträchtig koexistiert mit dem Säulenheiligen der Lagerhaltung namens Bleistift und Papier? Aber ich schweife ab. Hans Meiser sagte mir leider, dass BÖRFKNÜLL nicht mehr zu haben sei und somit auch nicht die zugehörigen Türdingse. Ja, IKEA hatte wirklich BÖRFKNÜLL aus dem Programm genommen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es das gewesen sein soll und ging zum Serviceschalter. Allerdings nicht, ohne vorher noch zwölf Vasen, drei Knoblauchpressen, ein 100er-Pack Kleiderbügel und einen Sack mit 1000 Teelichtern mitzunehmen. Am Serviceschalter redete ich mit einem sehr netten Menschen, der mir auf meine Frage nach einem Türdings für BÖRFKNÜLL sagte, dass sei gar kein Problem, er habe vorgestern erst zwei Türdingse   herausgegeben, die würden im Zweierpack auch nur drölf Euro siebenzig kosten. Ich war erleichtert. Ich sagte ihm dann, dass ich fast schon befürchtet hatte, es könne Probleme mit Ersatzteilen geben, da BÖRFKNÜLL ja jetzt aus dem Programm genommen worden sei. Der nette Mensch hielt inne und lächelte fragend. Wie? Aus dem Programm? Er habe doch vorgestern noch nachgeschaut und da sei es noch im Programm gewesen. Hektisch tippte er auf seinem Hans Meiser – nein, das stimmt nicht, Kundenservicemitarbeiter sitzen gar nicht an einem Hans Meiser, sie sitzen an einem Ranga Yogeshwar – hektisch tippte er also auf seinem Ranga Yogeshwar und meinte, dass BÖRFKNÜLL doch tatsächlich gestern aus dem Programm genommen worden sei. Ich zog mein ,Sag ich doch‘-Gesicht und meinte, das sei ja auch wirklich schade, aber ich wolle ja auch gar keinen BÖRFKNÜLL, sondern nur ein Ersatztürdings. Traurig blickte der nette Mensch mich an und meinte, da könne er nun leider gar nichts mehr tun, aus dem Programm sei aus dem Programm. Wäre ich vorgestern gekommen, ohne Probleme wäre ich an ein Türdings gekommen, aber nun sei das leider nicht mehr drin. Ein ,Aber‘ meinerseits wurde durch mitleidiges Schütteln seines Kopfes im Keim erstickt.

Etwas desillusioniert schlich ich mich davon, um einen Hotdog zu essen. Die sind mir zwar vollkommen zuwider, aber was will man machen, man ist schließlich bei IKEA. Am Senf-Zwiebel-Ketchup-Altar stand ein leicht desillusioniert aussehender Mann, der seinen Hotdog mit ähnlich großem Widerwillen betrachtete wie ich. Er sah mich abschätzend an, schien mich in eine ganz bestimmte Kategorie einzuordnen und meinte dann leise: „Aus dem Programm genommen?“ Ich nickte knapp und er daraufhin mitfühlend. „Griffe für BENGTSON“, stellte er sich vor. „Türdingse für BÖRFKNÜLL“ gab ich mich zu erkennen. Er sah mich überrascht an: „BÖRFKNÜLL? Aber das ist doch noch…“

„Gestern“, fiel ich ihm ins Wort.

„Ah. – Schande.“

Synchron blickten wir missmutig auf unsere Hotdogs.

„Wissen Sie, viele von uns kommen hier hin. Obwohl es natürlich nichts bringt. Sie kommen nie zurück ins Programm. Manche klammern sich an diesen Glauben, die Schwachen, andere von uns kommen wieder aus ganz anderen Gründen.“ Er lächelt bitter: „Eine Art Stockholm-Syndrom.“

Ich winsele innerlich ein wenig.

„Kommen Sie“, sagt er, „ich zeige Ihnen die anderen.“

Ich lernte sie alle kennen. Die normalen Fälle, zu denen wir uns auch zählten, wie ,Türlaufschienen für RASFJORD‘, ,Glaseinsatz für FROIDICK‘ und ,Schließgreifer für HODLGROMP‘. Wir redeten miteinander über unsere Probleme und schmiedeten ab und zu sogar Pläne, wie man vielleicht doch an das ein oder andere Ersatzteil kommen könne. Aber da gab es auch die schweren Fälle. Zum Beispiel ,Montageset für SVARSJOLL‘. SVARSJOLL war 1987 für vier Monate im Programm. Seitdem war er hier, fast jeden Tag. Er wusste von jedem Stück auswendig, wann es ins Programm auf- und wieder herausgenommen worden war. Es ging das Gerücht um, dass er sogar einmal eine Wiederaufnahme ins Programm miterlebt hatte. 2007 soll eine russische Hackergruppe den Zentralrechner von IKEA dazu gebracht haben, KRØVTRASSD, welches 2006 aus dem Programm verschwunden war, für drei Wochen wieder ins Programm aufzunehmen. Ich hielt das aber für einen reinen Mythos.

,Montageset für SVARSJOLL‘ wurde ab und an sogar von ausländischen Ersatzlern besucht. Wir saßen, mit unseren Hotdogs gestikulierend beieinander, als er mit einem Fremden zu uns kam und ihn als ,Drawer rail for WYLLSKORP‘ vorstellte. Wir stellten uns nacheinander vor, nachdem ich jedoch an der Reihe war, meinte er, dass es BÖRFKNÜLL in Süd-Manchester doch noch gebe. Ich musste mich hinsetzen und diese Nachricht erst einmal verdauen. Langsam wurde allen klar, was das bedeutete. Wir konnten das System schlagen! Zumindest dieses eine Mal gab es die Möglichkeit, das Programm zu besiegen. Ich schüttelte die Hände der anwesenden Ersatzler, nahm ihre Gratulationen entgegen und begab mich so schnell wie möglich zurück nach Hause, um auf den englischen IKEA-Seiten zu surfen. Man konnte zwar keine ganzen BÖRFKNÜLLS bestellen, aber Ersatzteile, die würden sie schon nach Deutschland liefern. Gegen einen gehörigen Aufpreis zwar, aber das war jetzt auch egal. Jubilierend registrierte ich den Eingang der Mail mit der Bestellbestätigung.

Wussten sie eigentlich, dass die BÖRFKNÜLLS in Großbritannien mit angelsächsisch-zölligen statt mit kontinentaleuropäisch-metrischen Türdingsen verkauft werden?

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30. Mai 2012  2 Kommentare

Eschaton

Neuerdings tut Herbert immer ganz geheimnisvoll. Er legt öfter den Zeigefinger an die Lippen und macht „Pssst!“, zwinkert auf der Straße zwei oder drei Leuten, die wir bei uns im Viertel immer wieder mal treffen, versteckt zu und schaut ganz allgemein mit offensichtlichem Genuss verschwörerisch in die Gegend. Mir ist natürlich klar, dass dahinter nichts Sinnvolles stecken kann und ich versuche, trotz seiner plumpen Theatralik nicht weiter darauf einzugehen. Solcherlei Verhalten bringt einen bei Herbert aber leider nur selten und auch dann meist nur bedingt weiter.

Was mir denn einfiele, ereifert er sich, es könne ja wohl nicht sein, dass er tagelang direkt vor meiner Nase herumgeheimgesellschafte und ich aber auch so gar keinen Ehrgeiz zeige, darauf einzugehen. Ich hebe meine rechte Augenbraue: „Herumwas?“ Na, hier das Geheimzeichen austauschen und Kontakt halten mit den Brüdern. Ich hebe meine Augenbraue noch höher: „Brüder?“ Naja, er sei doch jetzt Mitglied in einer Geheimbruderschaft und da gehöre sowas eben dazu.

Ich sehe einen kleinen Hoffnungsschimmer am Horizont und meine, dass er mir doch keine Geheimnisse aus seiner geheimen Geheimbruderschaft erzählen könne. Er schaut kurz erstaunt, legt mir schnell die Hand auf die Stirn und intoniert, dass ich jetzt in die „Geheime Bruderschaft der althethitischen Konzilioniker“ aufgenommen sei – nach dem beschleunigten Verfahren. Er sei schließlich der Gründer der Bruderschaft und daher könne er mich auch schnell nach dem beschleunigten Verfahren auf nehmen. Ja, auch gegen meinen Willen, setzt er nach als ich den Finger hebe. Ich sei jetzt den Geheimhaltungsregeln der althethitischen Konzilioniker unterworfen, da käme ich nun nicht mehr raus.

Auf meine Frage, was er denn damit bezwecke, schaut er kurz verschwörerisch im Kreis und flüstert dann, dass, er natürlich wolle, was alle Geheimgesellschaften wollen, ich solle gefälligst mal ein wenig nachdenken. Schicksalsergeben seufze ich und meine, dass ich nur die Illuminaten kenne, die ja wohl das Eschaton immanentisieren (fragen Sie nicht) wollen. Herbert meint, das sein Quatsch, die Illus gebe es überhaupt nicht, die seien nur eine Erfindung der Geheimgesellschaften um einen Sündenbock und eine Projektionsfläche zu haben. Nein, die echten Geheimgesellschaften, die vor allem Sex and Drugs and Rock‘nRoll wollten, um die gehe es. Ich zucke unwissend mit den Schultern. Na die Scientologen zum Beispiel, die würde ich ja wohl kennen. Ich nicke zögernd und meine, dass ich die ja jetzt eher nur so mittelgeheim fände. Dochdochdoch, zischelt Herbert, die seien so richtig richtig geheim, die würden sich nur so gut in sich selbst verstecken, dass man es als Uneingeweihter gar nicht mitbekäme.

Ich mache ein dummes Gesicht. Sie mögen eventuell nicht glauben, dass ich dazu in der Lage bin, aber in meinen Jahren mit Herbert habe ich mir das mühevoll antrainiert. Und dann gebe es aber noch viel geheimere Organisationen. „Die Qualitätssicherungsabteilung der deutschen Bahn?“, frage ich gespannt. Ich solle doch bitte nicht kindisch werden, meint Herbert, die sei ja noch viel irrealer als die Illuminaten. Nein, die katholische Kirche natürlich, die hätten es so richtig komplett geschafft als Geheimgesellschaft, denen könne nahezu niemand das Wasser reichen. Ich ahne wohin der Hase läuft und nenne nun auftrumpfend die Post-Privacy-Spackeria der Piratenpartei. Herbert zieht mich schnell in einen Hauseingang und legt mir die Hand über den Mund. Ob ich denn wahnsinnig sei, das seien, verdammt nochmal, die Geheimsten der Geheimen und mit denen sei nun wirklich nicht zu spaßen.

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22. Mai 2012  Hinterlasse einen Kommentar

Dreidämlich

 

Neuerdings sind ja alle Filme in 3D. Also nicht wie bisher so flacher Kram, sondern quasi wie echt. Soll zumindest. Habe ich gehört. Bisher war ich nämlich noch nie im 3D-Kino. Ne, stimmt gar nicht. Meinen ersten 3D-Film, so richtig mit großen Projektoren und so, habe ich 1989 gesehen. In Boston war das, auf einer Computergrafikmesse. Dort war das gesamte Computergrafik-Theater in 3D. Allerdings mit richtig teuren Polarisationsbrillen und es war atemberaubend. Auf der gleichen Veranstaltung habe ich auch von Jaron Lanier ein VR-HMD (so eine überklobige Brille mit zwei kleinen Monitoren, einer für jedes Auge) entgegen genommen und aufgesetzt. Das war weniger atemberaubend. Und ja, der Kollege war damals schon ziemlich wunderlich. Zwischendurch gab es mal das ein oder andere Erlebnis in IMAX 3D. Da waren atemberaubende dabei, aber auch weniger atemberaubende.

Bevor das mit 3D anfing, gab es ja 180 Grad und 360 Grad Projektionen. Meist in Vergnügungsparks. Meine diesbezüglichen Erfahrungen fanden im Phantasialand in Brühl bei Köln statt. Kennt das noch jemand? Man stand (sic!) vor einer großen 180 Grad-Leinwand und sah sich Filme in subjektiver Kamera von Achterbahnfahrten an, während 200 Meter weiter echte Achterbahnen fuhren. Planetarien spielen auch immer wieder gerne mit Rundum-Projektion herum. Mein letzter Planetariumsbesuch war im Hayden Planetarium in New York, in dem ein Rundum-Film über kosmische Killer lief. Also jetzt nicht Charles Manson vom Mars, sondern über Asteroiden und Meteore. Schicksolub oder so ähnlich heißt der Krater um den es da unter anderem ging. Der ist im heutigen Golf von Mexiko und war wohl für das Aussterben der Dinosaurier verantwortlich. Damals verließen wir das Planetarium mit den Worten „So, the Mexicans killed the dinosaurs? Damn those Mexicans!“ und ernteten dafür erstaunlicherweise auch das ein oder andere beifällige Nicken.

Jetzt kam mir allerdings mein erster moderner 3D-Blockbuster vor die Nase und ich war nicht begeistert. Der Film war prinzipiell schon sehr unterhaltsam aber mit dem 3D, das ist irgendwie alles noch nicht ausgereift. Oder sagen wir so, die Hilfsmittel sind nicht ausgereift. Man bekommt eine Plastikbrille mit Polarisationsfolie gereicht, die ebenso aus einem Yps-Heft kommen könnte. Minderwertige Folie, die auch zum betrachten einer Sonnenfinsternis taugen würde. Und bei mir als regulärem Brillenträger kommt das Problem hinzu, dass man dann zwei Brillen übereinander trägt. Dass das extrem bescheuert aussieht, ist im Dunkel des Kinos ja eher egal, aber es ist unbequem, und sorgt durch irgendwelche komischen Refklektionen zwischen regulärem Brillenglas uns Billigfolie der Yps-Brille für alles mögliche, aber sicher nicht für visuelles Vergnügen. Das Thema 3D im Kino ist damit für mich vorerst gestorben. Entweder bauen die etwas, das ohne Brille auskommt oder sorgen für deutlich bessere Brillen. Wenn ich schlecht funktionierende Yps-Gimmicks haben will, kaufe ich mir Yps. Im Kino will ich ein tolles Bild. Und wenn wir gerade dabei sind, will ich auch gleich 180 Grad Projektion in 3D. Oder gleich 360 Grad 3D Halbkugelprojektion. Von mir aus auch mit mexikanischen Dinosauriern. Im Stehen.

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15. Mai 2012  Hinterlasse einen Kommentar

V-Mensch

 

Neuerdings würde er vom Verfassungsschutz observiert, meint Herbert. Ich schaue in zweifelnd an. Der Verfassungsschutz, so Herbert, benötige schließlich V-Männer in allen möglichen Gruppierungen und er mutmaße, dass er als potentieller V-Mann auf der Liste des Verfassungsschutzes ganz oben stände. Ich will wissen für welche Gruppierung er denn bitte als V-Mann in Betracht käme. Na das sein doch eben der springende Punkt, offensichtlich für gar keine, er sympathisiere mit absolut niemandem, das würde ihn ja gerade so wertvoll machen für den Verfassungsschutz. Bei ihm käme wirklich niemand auf die Idee, er könne als V-Mann arbeiten, darum sei er der ideale V-Mann.

Wieso spricht man eigentlich immer nur von V-Männern und nie von V-Frauen? Ist das Sexismus der von Verfassungsschutz ausgeht oder von den Medien, die über den Verfassungsschutz berichten? Es würde mich wirklich interessieren, ob der Verfassungsschutz intern von V-Frauen oder von weiblichen V-Männern redet. Oder sagen die einfach V-Person oder V-Mensch? Ob ich da einmal eine Anfrage an den Verfassungsschutz stelle? Wahrscheinlich werden sie mir die Frage aus Gründen der nationalen Sicherheit nicht beantworten können.

Ich weise Herbert darauf hin, dass seinen Überlegungen nach die 89-jährige Frau Kruse von schräg gegenüber ein noch viel idealerer (ja, ich weiß, ideal steigert man nicht, ideal ist per se schon ein Superlativ) weiblicher V-Mann wäre. Ganz zu schweigen vom 5-jährigen Plagegeist der Nachbarn mit dem wunderschönen Namen Harry Merlin. (In der Tat. Harry Merlin. Fragen sie nicht. Der Nachname Schmitz macht es übrigens auch nicht besser.)

Wer würde schon einen 5-jährigen namens Harry Merlin Schmitz der V-Kindschaft verdächtigen, argumentiere ich. Herbert wird nachdenklich. So habe er das noch gar nicht gesehen, gibt er zu. Er setzt einen grimmigen Gesichtsausdruck auf, nimmt sich die oberste Zeitung vom Stapel der ungelesenen Zeit-Ausgaben und rollt sie zusammen. Der ganzen V-Mischpoke da draußen, der werde er jetzt mal was erzählen, sagt er und marschiert, die Zeit-Klatsche schwingend, vor die Tür.

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13. Mai 2012  Hinterlasse einen Kommentar

Hunsrückwärtsgang

Neuerdings beschäftige ich mich ein wenig mit den Autos meiner Jugend. Man kommt ja immer wieder zu Dingen zurück, die einen in der Jugend beeindruckt haben. Oft sind diese Vergangenheitsbesuche eine herbe Enttäuschung. Ich sage nur Fernsehserien, ich sage nur „Kung Fu“.

Keine Enttäuschungen erlebt man allerdings mit den Automobilen seiner Jugend. Die waren damals cool und sind es noch immer. Mein Traum war damals und ist auch heute noch ein Citroën DS. Sowohl die normale Limousine, als auch die Break-Variante und das Cabrio haben mich schon immer fasziniert. Wenn Geld überhaupt keine Rolle spielen würde, ich kaufte mit 5 bis 8 verschiedene DS und ließe sie fachgerecht und schweineteuer auf Elektroantrieb und die ein oder andere moderne Annehmlichkeit umbauen.

Was einem bei der Beschäftigung mit den alten Autos auffällt, ist die Benennung der verschiedenen deutschen Modelle. Von VW gab es nach dem Käfer den Golf, den Polo, den Passat und den Scirocco. Also die größere Modellreihe nach einem Südsee- und einem Wüstenwind. Ok, das mag halbwegs nachvollziehbar sein. Aber gerade die kleineren Modellreihen nach den, insbesondere damals extrem elitären, Sportarten Golf und Polo zu benennen, erschließt sich nicht so recht. Ok, Polo ist immer noch extrem elitär. Hätte ein VW Tennis, ein VW Dressurreiten oder ein VW Hochseesegeln Erfolg gehabt?

Apropos Hochseesegeln, Opel hatte da vor allem Maritimes am Start, wenn auch mehr vom der militärischen Seite her. Namen wie Kadett, Kapitän und Commodore und Admiral schienen keinerlei Berührungsängste mit dem Militarismus zu haben. Das Top-Modell hieß dann aber Diplomat. Eventuell ein Hinweis, dass diplomatische Lösungen den militärischen vorzuziehen seien? Die moderneren Modelle nannte man dann nach einer schweizerischen und einer italienischen Stadt und einem flachen Fisch (Ascona, Monza, Manta). Da im Piemont aber auch ein Städtchen namens Manta gibt, könnte man auch mutmaßen, dass zur Namensfindung einfach mit Darts auf eine Karte Oberitaliens geworfen wurde und das Fischsymbol erst später seinen Weg auf den Wagen fand.

Ob der Ford Consul nach den höchsten altrömischen Staatsbeamten oder modernen Beamten des auswärtigen Amts benannt ist, wird sich wohl nie endgültig klären lassen. Man sollte aber wohl davon ausgehen, dass der Ford Escort nicht nach Prostituierten benannt ist, sondern eher das allgemeinere „Begleiter“ Ziel der Markenidentität war. Mit Granada und Capri den Namen einer südspanischen Stadt und einer süditalienischen Insel zu verwenden lässt auch jetzt auch keine spezielle Linie in der Namensgebung erahnen, sorgte aber dafür, dass ich grinsen musste, als ich vor ein paar Wochen einen alten Ford Granada neben einem Seat Alhambra stehen sah. Mein ganz spezieller Favorit ist aber der Ford Taunus. Ein Auto, benannt nach einem deutschen Mittelgebirge. Was hätte es da für ein Namenspotential gegeben! Ein Ford Schwarzwald, ein Ford Rhön (alleine die Wortspielmöglichkeiten mit Rhönrad!), ein Ford Hunsrück (Hunsrückwärtsgang?). Schade. Aber die Gelegenheit ist wohl für immer vertan. Mittlerweile wäre man sicher bei fortgeschrittenen Modellreihen, wie zum Beispiel VW beim Golf V ist.

Ford wäre dann vielleicht beim Harz IV…

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12. Mai 2012  Hinterlasse einen Kommentar

Skandalustig

Neuerdings schaue ich unablässig Talkshows. Das Thema ist mir meist egal, ich schaue einfach mit Stumpf und Stil alles um vielleicht das ein oder andere Skandälchen zu erwischen. Ich gebe es zu, ich bin einer jener Menschen, die ab und zu eine Dosis Fremdschämen brauchen. Nur wenige TV-Ereignisse geben mir diseen ganz speziellen Kick, den mir eine Live-Sendung gibt, die gerade etwas aus dem Ruder läuft. Der Close-Up-Schnitt auf das fassungslose Gesicht des Moderators, der gerade nicht so recht weiß wie er reagieren soll. Die offenmäulige Empörung eines Talkgasts, der vor lauter rechtschaffener Entrüstung kein Wort heraus kriegt. Das gespannte Innehalten des Publikums, nur um dann in Jubel- oder Buhrufe auszubrechen.

Einen ganz speziellen Platz in meinem Herzen haben auch Talkgäste, die das Studio verlassen. Ein hingerotztes „Mir reicht die Scheiße hier, ich gehe.“, das Mikrofon noch schnell von Hemd und Hose gerissen und auf den Boden geworfen und dann ab durch die Mitte, stilvollendet noch beinahe eine Studio-Kamera anrempelnd.

Wer erinnert sich nicht gerne zurück an einen Joachim Bublath, der, komplett von einer, wie üblich wahnsinnig erscheinenden, Nina Hagen aus der Fassung gebracht, Frau Maischberger und ihre restlichen Gäste sitzen ließ?

Oder 1992 bei Talk im Turm. Dort diskutierten verschiedene Gäste, unter anderem auch Angela Merkel, über eine mögliche Legalisierung von Drogen. Eine Frau Oppermann vom Bundeselternrat wurde im Verlauf der Diskussion von Nina Hagen lauthals eine Lügnerin genannt und angebrüllt, bis Hagen die Sendung verließ.

Oder als 1979 in der österreichischen Talkshow ,Club 2‘ Techniken der weiblichen Masturbation demonstriert wurden. Ok, mit angezogener Hose, aber trotzdem damals ein riesiger Skandal. Der Moderator Dieter Seefranz wurde daraufhin vom ORF mit Sendeverbot belegt und verließ den Sender im folgenden Jahr. Die Demo-Masturbatorin war damals Nina Hagen.

Ich frage mich ja, was man in den heutigen Talkshows machen könnte, um ähnliche imageträchtige Aufregungen zu schaffen. Vielleicht sollten die Sender da mal eine wissenschaftliche Forschungsgruppe beauftragen, die ihre Ergebnisse dann in 5 Jahren präsentiert.

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11. Mai 2012  Hinterlasse einen Kommentar

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